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Bericht über die IASA-Jahrestagung 2009

13. und 14. November 2009 in München

Programm

Der Bayerische Rundfunk konnte als Gastgeber der Jahrestagung 2009 der IASA-Ländergruppe Deutschland/Deutschschweiz e. V. in München 60 Teilnehmer willkommen heißen. Nach der ausgezeichneten gemeinsamen Wiener Konferenz unserer Ländergruppe mit den österreichischen Kolleginnen und Kollegen der Medien Archive Austria im Vorjahr meisterte das sympathische Team um Mary Ellen Kitchens die hohe Messlatte mit souveräner Professionalität und stellte eine Tagung auf die Beine, die allen Besuchern in bester Erinnerung bleiben wird.

Vorweg sei gesagt, dass der in Wien von den beiden Vorsitzenden gemeinsam formulierte Anspruch einer engeren Kooperation und Intensivierung der Beziehungen beider Gruppen vortrefflich umgesetzt wurde, denn auch 2009 war eine ganze Reihe ausgezeichneter Vorträge unseren österreichischen Kolleginnen und Kollegen zu verdanken. Ein besonderer Schwerpunkt gehörte wie in jedem Jahr der Präsentation des Gastgebers unter vielfältigen Gesichtspunkten.

Ernst Dohlus, Hauptabteilungsleiter Produktion und Sendung des Bayerischen Rundfunks, begrüßte die Teilnehmer im Namen des Hörfunkdirektors mit dem augenzwinkernden Hinweis auf die Besonderheit, dass der BR als einziger ARD-Sender „morgens ein Impressum der Verantwortlichen senden muss″. Weiter stellte er die Leistung der Hörfunkarchive des BR und ihrer Leiterin Mary Ellen Kitchens heraus, die nicht nur viele Prozesse in Gang gesetzt habe, sondern sich in besonderem Maße für die Förderung junger Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ihres Bereichs einsetze.

Mary Ellen Kitchens wies in ihrer Begrüßung auf „die gemeinsame Sache (hin), die uns alle verbindet: die Leidenschaft zu den Medien und ihren Inhalten″, die aus ganz verschiedenen Ecken komme. Sehr erfreut zeigte sich Kitchens über die große Zahl der anwesenden, eben „leidenschaftlichen″ Sammler, die mit den Vertretern verschiedenster Institute in einer Linie zu sehen seien, die „Sammeln, Wiedergabe und gute Verfügbarkeit″ verbinde. In diesen Kontext gehörten auch ihre eigenen Bemühungen zur Rettung von Kulturgut in Ländern wie Vietnam oder Nepal.

Als Beginn des „großen mitteleuropäischen Palavers″ im Sinne des letzten Schall & Rauch-Editorials von Rainer Hubert begrüßte Michael Crone, nach zwei Amtszeiten scheidender Vorsitzender der IASA-Ländergruppe Deutschland/Deutschschweiz e. V., ganz besonders die Kolleginnen und Kollegen aus Österreich und stellte fest, dass für diesen Austausch kaum ein besserer Ort denkbar sei als die Kulturmetropole München. Auch Crone hob den außerordentlichen Rang der Rundfunkarchive als „Gedächtnis und Wissensspeicher der Menschheit und zum Erhalt des Kulturerbes″ hervor, ohne hierbei den Kernauftrag von Produktionsarchiven und die sich daraus ergebenden Zwänge zu verschweigen.

Als Vizepräsident der internationalen IASA überbrachte schließlich Pio Pellizzari, Direktor der Schweizer Nationalphonothek, die Grüße und besten Wünsche des Executive Board und seines australischen Präsidenten Kevin Bradley.

In ihrer lebendigen und freundlichen Art führte anschließend Mary Ellen Kitchens durch den ersten Programmblock, in dem in guter Tradition der Tagungsgastgeber dem Publikum einen Überblick über die eigenen Aufgaben gibt und wichtige Aspekte exemplarisch vorstellt.

Klaus Weisenbach aus der Wortdokumentation des BR beleuchtete im ersten Referat der Tagung „Die Krux mit der Fensterbank – die Digitalisierung von Sonderbeständen aus den Redaktionen″. Materialien von außerordentlichem Repertoirewert, die „eigentlich ins Hauptarchiv gehören″, schlummern in Redaktionsschränken oder auf den sprichwörtlichen „Fensterbänken". Beispielhaft schilderte Weisenbach etwa die Geschichte des ersten Interviews, das seinerzeit der russische Systemkritiker Andrej Sacharow nach seiner Rückkehr aus der Verbannung dem BR-Korrespondenten Johannes Grotzky gegeben hatte. Im Rahmen der Arbeit am Sonderpool „Zeitzeugeninterviews″ war es möglich, die archivierten zwei Minuten mit dem „Restmaterial″ der Redaktion zum vollen Acht-Minuten-Gespräch zu rekonstruieren, verfügbar zu machen und die Langzeitsicherung von Programmvermögen und bedeutendem Kulturgut zu bewerkstelligen.

Jan Strack veranschaulichte im folgenden Referat „Die Hörfunkarchive und der CIO″, wie in den Hörfunkarchiven des Bayerischen Rundfunks die Abläufe durch ein professionelles Geschäftsprozessmanagement optimiert werden. Auf der Basis von Analysen der Geschäftsprozesse wird z. B. der Abbau von Zeitdruckphänomenen, eine bessere Ergonomie der Softwareelemente und mehr Effektivität in den Lernprozessen vorangetrieben. Für die Erreichung eines optimalen Geschäftsmodells von besonderer Bedeutung ist in diesem BR-Projekt das Zusammenwirken der Hörfunkarchive mit dem „CIO″, dem Chief Information Officer, der als Leiter für Informationstechnologie beispielsweise die Entscheidung für die Wahl eines bestimmten Software-Produkts zu treffen hat. Strack zeigte höchst anschaulich, was ein gutes Geschäftsmodell ausmacht (z. B. eine genaue Definition von Anfang und Ende der Geschäftsprozesse und eine klare Abfolge, bei der jeder Schritt exakt einem Akteur zugeordnet ist), worin die Unterschiede zwischen dem veralteten und einem neuen Prozessmodell bestehen und wie letztlich durch ein effektives Geschäftsprozessmanagement „implizites Wissen explizit″ wird.

In einem äußerst stringenten und flott gestalteten gemeinsamen Vortrag gaben Imke Dustmann und Beate Thiemann als Vertreterinnen des für die IT-Anwendungen im Archiv verantwortlichen ArchiTecTeams im Bereich „Service Archivsysteme″ einen Überblick zum Thema 10 Jahre Metasuchmaschine „Medienbroker″ im Bayerischen Rundfunk. In zehn Jahresschritten präsentierten die Referentinnen die Entwicklung von einer Pressedatenbank unter Einbeziehung von Agenturmeldungen und Munzinger-Daten im Jahr 1999 bis hin zum Angebot umfangreicher Medieninhalte, etwa der Aufbereitung multimedialer Dossiers aller Genres, oder der Einführung des „Rückmeldebuttons″ für die Nutzer des Medienbrokers im Jahr 2009. In ihrem Ausblick auf die nähere Zukunft skizzierten die Referentinnen u. a. eine Vereinfachung des Anmeldeverfahrens, die Einbindung der ARD-Normdatenbank und der neuen Hörfunkdatenbank, sowie die Möglichkeit des ARD-Crossvorhörens als nächste angestrebte Schritte.

Führungen durch die Bereiche Notenarchiv, Musikdokumentation, Magazine und Digitalisierung rundeten den Freitagvormittag ab. Auch hier wurde das Konzept der engen Kooperation mit Redaktionen und Produktionsbereich des BR deutlich. So gehört das Aufschalten auf den Rechner eines Redakteurs zur Direkthilfe bei der Recherche zum Serviceangebot der Musikdokumentation. Was den Teilnehmerinnen und Teilnehmern während der Führung besonders auffiel, war die angenehme und von gegenseitiger Wertschätzung geprägte Arbeitsatmosphäre, die der Abteilungsleiterin ein wichtiges Anliegen ist.

Den ersten, von Michael Crone moderierten Nachmittagsschwerpunkt „Rechercheportale″ eröffnete Andres Eben mit seinem Beitrag „PHAROS - Die Suchmaschinen-Plattform für Multimedia – Teststellung beim Bayerischen Rundfunk″. Eben berichtete als Vertreter von CIRCOM Regional in Diensten des BR in Nürnberg vom 2007 ins Leben gerufenen EU-Forschungsprojekt PHAROS, dessen Ziel das Sammeln und Umsetzen von Erfahrungen auf dem Gebiet der Multimedia-Analyse ist. Durch neue Funktionalitäten wie die vom Referenten vorgestellten Elemente face-recognition, speech-to-text, duplicate-detection und sound-classification soll eine verbesserte automatisierte Suche in AV-Inhalten die Arbeit in und mit digitalen Archiven und den journalistischen Alltag insgesamt effizienter gestalten.

In seinem Online-Vortrag Die Suche nach historischen Tonträgern im Musikportal der Deutschen Nationalbibliothek präsentierte Ingo Kolasa, Leiter des Deutschen Musikarchivs Berlin, dieses wichtige Rechercheinstrument des DMA. In diesem Portal sind derzeit 118.000 katalogisierte historische Tonträger der Schellackära aus dem Bestand des DMA nachgewiesen. Obwohl die Titelaufnahme in personalaufwändiger Autopsie ohne eine Normdatenbank im Hintergrund erfolgt und sich die Suche angesichts sehr heterogener Titel und Namen manchmal schwierig gestaltet, gilt das Portal unter führenden Sammlern als „beste Suchmöglichkeit für historische Tonträger weltweit″ (Zitat: Rainer E. Lotz).

Jochen Rupp, zusammen mit Ulrich Duve Webmaster der IASA-Ländergruppe Deutschland/Deutschschweiz e. V., funktionierte sein Referat „Archive und Portale im Web – Versuch einer Übersicht″ kurzerhand in eine Art „Workshop″ um, in dem die Tagungsteilnehmer zunächst miterleben konnten, zu welch unbefriedigenden Ergebnissen eine Google-Recherche nach „Übersicht Archive″ führt. Nach der Darstellung immer wieder zu beobachtender Probleme und der Gegenüberstellung von Möglichkeiten und Beschränkungen bei Meta- und Multisuche zeigte Rupp, wie jeder Anwender, unter Nutzung der für den Firefox-Browser angebotenen Add-ons, auf einfache Art eine eigene effektive Multisuche erstellen kann.

Der zweite Teil des Nachmittags gehörte einer ganz besonderen Präsentation. Claus Peter Gallenmiller, Vorstandsmitglied der Gesellschaft für Historische Tonträger (GHT), Sammler und Experte für historische Aufnahmegeräte und -verfahren, nahm das Publikum mit auf eine kurzweilige Zeitreise. Gallenmiller erläuterte zunächst Hintergründe und Geschichte der Tonaufnahmetechnik anhand eindrucksvoller Beispiele, Abbildungen und Filmausschnitte. Nach dieser theoretischen „Pflicht″ folgte eine „Kür″, die allen Anwesenden das Gefühl gab, einem historischen Augenblick, zumindest in der zwanzigjährigen Geschichte der Ländergruppe, beizuwohnen. In der Aufnahmetechnik der Dreißiger und Vierziger Jahre entstand eine auf Decelith-Platte direkt geschnittene Musikaufnahme. In Besetzung und Stil den Comedian Harmonists gleichend, gruppierten sich die in Bayern beheimateten Sixtonics um das historische Flaschen-Mikrofon von RFT. Claus Peter Gallenmiller saß an der Trümbach-Schneidemaschine, pinselte den abgehobenen Decelith-Span von der Platte und überwachte die Aufnahme. Parallel dazu zeichnete Hans-Otto Hoffmann die Darbietung mit einem historischen Maihak Reportofon MMK 3 auf Tonband auf.

Nach ein paar Proben wurde der Comedian Harmonists-Klassiker „Hunderttausendmal″ zweimal auf Decelith verewigt, jeweils angesagt von Michael Crone und live eingespielt vor den Teilnehmern der Ländergruppentagung 2009, denen diese denkwürdige Aufnahmesession ebensoviel Vergnügen bereitete wie den Künstlern selbst. Die Sixtonics ließen sich ohne vorherige Erfahrung mit Direktschnittaufnahmen und alter Aufnahmetechnik auf dieses künstlerische Wagnis ein und lieferten einen höchst professionellen, dabei frischen, lebendigen und humorvollen Vortrag, der den berühmten Vorbildern in nichts nachstand. In der sehr guten Akustik des Großen Sitzungssaals servierten die sechs Musiker dem begeisterten Fachpublikum zum Abschluss als Schmankerl noch eine wunderbare Version von „Hallo, was machst Du heut', Daisy?″ (eine ausführliche Dokumentation der Aufnahmesession findet sich am Endes dieses Berichts).

Für den Abend hatte Mary Ellen Kitchens einen weiteren Leckerbissen arrangiert. An der Münchener Mariensäule begann eine „kulinarische Nachtwächtertour″, auf der die Teilnehmenden sich zwischen Deftigem für Leib und Gemüt auch die Beine vom ersten Tag der Konferenz vertreten konnten.

Mit der Mitgliederversammlung der IASA-Ländergruppe begann traditionell der Samstag. Nach den Rechenschaftsberichten der Vorstandsmitglieder wurde ein einstimmiges Votum der Mitglieder für Dresden als Veranstaltungsort der Jahrestagung 2010 abgegeben. Als Vorsitzender des Wahlausschusses gab Albrecht Häfner das Ergebnis der Vorstandswahlen für die dreijährige Amtszeit bis 2012 bekannt: Neuer Vorsitzender ist Pio Pellizzari. Stellvertretende Vorsitzende sind Ulrich Duve, Mary Ellen Kitchens und Jochen Rupp. Schatzmeisterin ist weiterhin Anke Leenings und Sekretär bleibt Detlef Humbert. Der bisherige Vorsitzende Michael Crone ist nach zwei Amtsperioden nun Altersvorsitzender mit beratender Funktion.

Widmete sich am Vortag Claus Peter Gallenmiller der Entstehung historischer Tonträger, so war deren Überleben Schwerpunkt des folgenden, von Ingo Kolasa moderierten Themenblocks, in dem zwei hoch angesehene Vertreter des Phonogrammarchivs der Österreichischen Akademie der Wissenschaften über bemerkenswerte Beispiele der Langzeitsicherung referierten.

Zunächst beschrieb Franz Lechleitner die unter seiner Obhut vor Ort durchgeführte Walzen-Digitalisierung für das Deutsche Musikarchiv Berlin. 750 dieser im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert gebräuchlichen Tonträger, dazu eine kleinere Zahl sogenannter Konzertzylinder waren vom Dreierteam Franz Lechleitner, Torsten Ahl und Yvonne Gross als Kulturgut für die Nachwelt zu sichern. Nach einer intensiven Planungsphase und der Bereitstellung der für den Sicherungsprozess erforderlichen Ausrüstung fand ein erster Übertragungsdurchlauf statt, in welchem die gereinigten und korrekt justierten Zylinder nach der richtigen Auswahl der Abtastnadel in der jeweils erforderlichen Abspielgeschwindigkeit digitalisiert und die Signale abgespeichert wurden. Als problematisch erkannte Walzen wurden, soweit möglich, repariert, manche in einem Spezialdurchlauf nach Modifikation des Walzenvorschubs oder mittels eines Konus (z. B. stark verzogene Blue Amberols) in optimierter Qualität überspielt. Neben einer Reihe wichtiger technischer Erkenntnisse aus diesem Projekt hob Lechleitner die „hervorragende Arbeitsatmosphäre im DMA und die unendliche Geduld des Teams″ hervor.

Im Deutschen Museum in München betreut Nadja Wallaszkovits, Cheftechnikerin des Wiener Phonogrammarchivs, ein Projekt, das sie mit den Worten „Metadaten und Metadaten und Metadaten und...″ charakterisierte. In ihrem ebenso informativen wie unterhaltsamen Vortrag Audio goes Video: Videographische Metadatensicherung bei Audiobändern der Sammlung Oskar Sala zeigte sie an zahlreichen Beispielen, mit welch vielfältigen und teilweise ungewöhnlichen Mitteln der unter anderem durch seinen Einsatz des Mixturtrautoniums im Soundtrack zu Alfred Hitchcock's Thriller „Die Vögel″ bekannt gewordene Komponist an immer neuen Klangeffekten arbeitete. Die Sammlung umfasst etwa 1.200 Magnettonbänder und 600 weitere Tonträger, Filme und die Studioausrüstung des Künstlers.

Die Besonderheit der Sammlung besteht darin, dass Sala etwa das Magnetband nicht nur zur Tonaufzeichnung, sondern auch als „Notizbuch″ nutzte, indem er ihm wichtige Dinge darauf handschriftlich vermerkte, an vielen Stellen Zwischenspänne mit Notizen oder Papierschnipsel als Zeitmarken einfügte und sogar Pflasterstreifen mit Anmerkungen aufklebte. Beim reinen Digitalisieren des Tonsignals würden bereits diese Metadaten verloren gehen. Auf einem einzelnen Bandwickel befinden sich manchmal 200 Tonbandabschnitte unterschiedlicher Alterungsgrade. Sala experimentierte mit allen möglichen Signalmanipulationen, unterschiedlichsten Schnittarten und drehte zur Erzielung eines dumpferen, mystischen Klanges oft die Schichtlage des Bandes. Da oft nicht mehr zu sagen ist, an welcher Stelle welcher Effekt gewollt ist, hilft oft nur eine zweimalige Digitalisierung beider Varianten.

Die Erschließung erschwert auch der Umstand, dass „Bobbies″ (Wickelkerne) mit Salas Handschrift nicht unbedingt zum aufgespulten Tonband gehören müssen. Unter Berücksichtigung all dieser Umstände ist die dokumentarisch-konservatorische Bearbeitung der Sammlung Sala eine Arbeit, die auf diesem Gebiet wohl ihres Gleichen sucht. Als unterhaltsamen Schlussakkord präsentierte Nadja Wallaszkovits den von Bully Buhlan gesungenen „Grusel-Blues″ aus dem Film „Agatha, lass das Morden sein″, für den Sala neben Soundtracks zu rund 300 weiteren Filmen seine Spezialeffekte beisteuerte.

Den letzte Tagungsblock bildete das von Detlef Humbert moderierte Offene Forum, wo traditionell Kurzreferaten und Präsentationen verschiedener Thematik Raum gegeben wird.

Auch hier konnte die IASA-Ländergruppe einige österreichische Fachkolleginnen und Kollegen mit interessanten Beiträgen begrüßen. Zum Auftakt stellte Gabriele Fröschl, Generalsekretärin der Medien Archive Austria und Historikerin in Diensten der Österreichischen Mediathek, die Internet-Plattform www.journale.at vor, die die Online-Suche in den Hörfunkjournalen des ORF ermöglicht. Besondere Herausforderungen dieses Projekts sind die Hinführung der Originalbänder in einen für die Digitalisierung geeigneten, zumindest temporär den Anforderungen genügenden Zustand und das Problem der Phonemtranskriptionen-Erkennung.

Christiane Hofer, Präsidentin der GHT, informierte über das Lindström Project und lud alle Sammler dazu ein, ihr Wissen und ihre Plattenbestände aus der Produktion der für die Schallplattengeschichte überaus bedeutsamen Carl Lindström AG in dieses international angelegte Vorhaben einzubringen. Die nächste Möglichkeit zum Erfahrungsaustausch bietet der 11. Diskographentag, die jährlich stattfindende GHT-Konferenz, deren Gastgeber unter dem Motto „Mit eigener Stimme?″ vom 7. bis 9. Mai 2010 das Centre for World Music der Universität Hildesheim sein wird.

Christian Liebl, Kustos und Editionsassistent am Wiener Phonogrammarchiv, präsentierte in seinem Vortrag „K.u.K. – Kaiserliche Stimmporträts und ihre Kontextualisierung″ die Ergebnisse seiner den Tonaufnahmen der Stimme von Kaiser Franz Joseph I. gewidmeten Forschungsarbeit. Die bekannteste unter den drei im Phonogrammarchiv erhaltenen Aufnahmen ist wohl die am 2. August 1903 während einer Audienz in der kaiserlichen Villa in Bad Ischl entstandene Aufzeichnung durch Sigmund Exner, den ersten Obmann der Phonogramm-Archivs-Kommission der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, und den Archivtechniker Fritz Hauser. Dieses historische Ereignis wurde seinerzeit sogar in einer Abbildung auf der Titelseite der Österreichischen Kronen-Zeitung dokumentiert.

Stephan Puille ist den Mitgliedern der IASA-Ländergruppe als Experte für Tonträger der Frühzeit bis 1905 und Ephemera zur Geschichte der Tonaufzeichnung bekannt. In seinem Referat „Herrenwitz im 19. Jahrhundert: Eine frühe deutsche Phonographenwalze mit obszönem Inhalt″ stellte er dem Publikum erneut eine außerordentliche Rarität der Schallaufzeichnung vor. Der vorliegende Zylinder aus Puilles eigener Sammlung ist das einzige bekannte deutschsprachige Exemplar seiner Art aus dem 19. Jahrhundert. Der einst gegen Anstand und Moral verstoßende Inhalt „Mittelpunkt der Welt″ mutet heute eher harmlos an. Durch genaue typologische Bestimmung konnte Puille nachweisen, dass die Aufnahme auf einer zwischen 1891 und 1895 in den USA hergestellten Leerwalze gemacht wurde, wo seit 1892 solche Aufnahmen in „Hörsalons″ von fahrenden Ausstellern gegen Geld dargeboten wurden.

Mit dem Thema „Qualitätssicherung und Erschließung multimedialer Digitalisate: mehr Automatisierung durch CONTENTUS″ machte Jürgen-K. Mahrenholz, Deutsches Musikarchiv Berlin, die Zuhörer bekannt. CONTENTUS ist ein innerhalb des deutschen Forschungsprogramms Theseus des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie angesiedeltes Fünf-Jahres-Projekt zur „Entwicklung neuer Wissensinfrastrukturen auf Grundlage semantischer Technologien für das Internet″ mit dem Ziel, das Kulturerbe in sogenannten „Multimediatheken″ zugänglich zu machen. Besonderes Augenmerk liegt auf der Wirtschaftlichkeit neuer Verfahren zur Digitalisierung, automatisierter Erschließung und Nutzung multimedialer Kulturgüter. Getestet wird CONTENTUS im Deutschen Musikarchiv anhand der Sammlung des „Musikinformationszentrums des Verbandes der Komponisten und Musikwissenschaftler der ehemaligen DDR″.

Albrecht Häfner gab anschließend einen Überblick über das EU-Projekt Europeana, das die vernetzte Suche in derzeit mehr als sechs Millionen digitalen Objekten aus den Sammlungen europäischer Museen, Galerien, Bibliotheken, Ton-, Bild- und anderer Archive ermöglicht. Das von der Europäischen Kommission verfolgte Ziel der Europeana ist, „europäische Informationsquellen in einer Online-Umgebung einfacher zugänglich und nutzbar zu machen″.

Hans-Otto Hoffmann, freier Mitarbeiter für historische Technik beim Bayerischen Rundfunk in Ismaning, stellte dem Publikum in einem kurzen Beitrag ein wenig bekanntes, historisches Tonaufnahmeverfahren auf Platte vor. Die Drehung des Plattentellers muss von Hand unterstützt werden, der per Holznadel übertragene Schall wird auf einer Aluplatte mit gedrückten Rillen gespeichert.

Zum Abschluss des Offenen Forums informierte Detlef Humbert über das Otto-Ackermann-Archiv und den künftigen Verbleib dieser bedeutenden Sammlung von Zeugnissen des Lebens und Schaffens des 1960 verstorbenen Schweizer Dirigenten. Gert Fischer, der das Archiv 1969 im schleswig-holsteinischen Heidmoor begründet und vier Jahrzehnte lang geführt hatte, wird sein Lebenswerk aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr weiterführen. Auf Beschluss der Mitgliederversammlung zur Auflösung des OAA e. V. wird der künstlerische Nachlass Otto Ackermanns der Nationalphonothek in Lugano übergeben. Gert Fischer wird sich in Zukunft ausschließlich seinem persönlichen Schallarchiv Gert Fischer und seiner Editionstätigkeit widmen.

Alterspräsident Michael Crone schickte in seinem Schlusswort einen „großen Dank″ für die ausgezeichnete Tagungsorganisation und reibungslose Durchführung an das Team des BR-Hörfunkarchivs mit Mary Ellen Kitchens, Marion Trübswetter, Anita Bukvic und Jan Strack sowie für die perfekt gesteuerte Saaltechnik an Frau Kleinmichl und Herrn Seelbach. Als „schönen Schlusspunkt für meine Präsidentschaft″ hob er die Darbietung Claus Peter Gallenmillers und der Sixtonics besonders hervor.

Pio Pellizzari schloss die Veranstaltung mit einer Einladung zur nächsten Tagung nach Dresden, um dort gemeinsam den 20. Geburtstag der IASA-Ländergruppe zu feiern, die am 25. April 1990 im Rahmen der Frühjahrstagung der Fachgruppe 7 in Wiesbaden das Licht der Welt erblickte.

Die Jahrestagung 2010 der IASA-Ländergruppe Deutschland/Deutschschweiz e. V. findet auf Einladung der Sächsischen Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden am 8. und 9. Oktober 2010 statt. Neben Präsentationen und Besichtigungen der SLUB und ihrer Mediathek wird sich ein Themenschwerpunkt mit der Frage beschäftigen, wie „Katastrophen″ in AV-Archiven begegnet werden kann. Ein weiterer Akzent wird auf der „Kontextualisierung von Zusatzinformationen″ liegen, und ein thematischer Block wird sich um die Komponisten „Schumann, Wagner und andere Sachsen″ drehen.

Viele, der hier nur kurz umrissenen Vorträge der Münchener Tagung, sind auf der Website der IASA-Ländergruppe unter dem Menüpunkt Ausgewählte Beiträge nachzulesen.

Detlef Humbert
Sekretär der IASA-Ländergruppe Deutschland/Deutschschweiz e. V.

Die Entstehung einer „historischen Schallplatte“ während der IASA-Jahrestagung 2009

Vortragsfolien von Claus Peter Gallenmiller

00 Vortrag Herr Gallenmiller vor Schneidemaschine.jpg
01 Analoge Aufnahmetechnik.jpg
02 Aufnahme auf Decelith.jpg
03 Aufnahme auf Decelith 2.jpg
04 The Sixtonics.jpg
05 The Sixtonics.jpg
06 Kontrolle der Decelith-Aufnahme.jpg
07 Aufnahme auf Decelith.jpg
08 Electrola_eg2405_a.jpg
 

Das Original und die Aufnahmen im Vergleich

Film der Aufnahmesession

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